In Memoriam

Foto: HAZ 1992

Prof. Dr. Ernst-Heinrich Lochmann

Veterinärhistoriker, Institutsleiter und passionierter Reiter
*25.04.1926 in Riesa/Elbe
† 01.03.2013 in Barsinghausen
Foto: FG Geschichte

PD Dr. med. vet.
Max Becker

Chirurg, Anästhesist, Veterinärhistoriker
*27.01.1941 in München,
† 20.08.2018 in Bern
Foto: Imke Schumann, privat


Hanne Mente

Eine Hochschulsekretärin im Dienst der Veterinärgeschichte *16.02.1942 in Nienburg † 08.05.2021 in Uchte

Foto: privat

Dr.
Georg Möllers

„Wider das Vergessen“ – Zum Tod von Dr. Georg Möllers *22.02.1960 in Rheine † 26.07.2022 in Mehmels

Foto: privat

Dr.
Peter Muser

Veterinärdirektor a. D. *05.03.1927 in Karlsruhe †18.06.2025 in Karlsruhe

Fotomontage von H. Surborg 2025, privat

Dr.
Helmut Surborg

„109 Paar Gummistiefel“ – Zum Tod von Dr. Helmut Surborg * 13.04.1950 † 17.02.2026 in Betzhorn

Das „Fachgebiet Geschichte“ der Tierärztlichen Hochschule Hannover trauert um seinen langjährigen Leiter, die „Fachgruppe Geschichte“ der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft trauert um ihren langjährigen Vorsitzenden, die „Welt-Gesellschaft für Geschichte der Veterinärmedizin“ trauert um ihren Gründer und langjährigen Präsidenten und Ehrenpräsidenten.

Es zeugt von überaus hohem Idealismus und persönlichem Mut, dass der damals 37-jährige wissenschaftliche Assistent am Institut für Lebensmittelkunde der TiHo Hannover, Dr. Ernst-Heinrich Lochmann, sich im Jahr 1963 dazu entschloss, einen neuen Weg einzuschlagen. Außer in München war das Fach „Geschichte der Veterinärmedizin“ Anfang der 1960er Jahre an keiner tierärztlichen Ausbildungsstätte hauptamtlich vertreten, geschweige denn institutionalisiert.

Ohne die Hilfe seines gestrengen Mentors, des Leiters der Klinik für Kleine Klauentiere, Wilhelm Schulze, wäre das Ziel, das Fach Geschichte der Tiermedizin zu etablieren, unerreichbar gewesen, ein Fach, das von vielen als völlig unnötig angesehen wurde. Das Ziel wäre auch nicht zu erreichen gewesen, wenn ihm seit 1956 nicht seine Frau Gerda zur Seite gestanden, auf vieles verzichtet und unzählige Stunden ehrenamtliche Mithilfe geleistet hätte.

Am 1. Januar 1964 wurde Ernst-Heinrich Lochmann wissenschaftlicher Assistent an der Klinik für Kleine Klauentiere „mit dem Auftrage, die Geschichte der Veterinärmedizin zu vertreten, die der Direktor dieser Klinik in Lehre und Forschung mit wahrgenommen hat“. Darüber hinaus wurde er per Dienstanweisung verpflichtet, jegliche Presse- und Protokollarbeit zu leisten und das „Archiv der Hochschule … jederzeit in einem gepflegten, repräsentativen Zustand zu halten und zu mehren“, – so der Wortlaut im Original.
Bis 1978 war Lochmann „Chef des Protokolls“ und bereitete akribisch die 200-Jahrfeier der Hochschule vor und auch nach.

Es grenzt fast an ein Wunder, dass neben den administrativen Aufgaben, die dieser Ein-Mann-Betrieb zu erfüllen hatte, überhaupt noch Zeit für fachhistorische Forschungen blieb, Zeit für einige Semester Geschichtsstudium in Göttingen, Zeit für die Habilitation im Jahr 1969 und auch noch Zeit für Aktivitäten auf nationaler und internationaler Ebene, – und auch noch Zeit für seine große Leidenschaft, die Reiterei.

1964 organisierte Herr Lochmann das erste Symposion für Geschichte der Veterinärmedizin in Hannover, 1969 gründete er auf dem 6. Symposion die Welt-Gesellschaft für Geschichte der Veterinärmedizin, da immer mehr ausländische Kollegen an diesen Tagungen teilnahmen, und 1973 richtete er im Alten Apothekengebäude der Hochschule das erste veterinärgeschichtliche Museum der Welt ein

Die „Fachgruppe Geschichte“ der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, die nationale Vereinigung für Tiermedizingeschichte in Deutschland, wurde 1953 gegründet. Herr Lochmann leitete sie in der Nachfolge von Wilhelm Rieck in den Jahren 1985 bis 1993. Auch in der Präsidentschaft der „Welt-Gesellschaft“ folgte er dem Nestor der deutschen Veterinärhistoriographie in den Jahren 1977 bis 1993 nach.

Seit Anfang der 1980er Jahre war ich als Referent bei allen Symposien dabei und habe nun meinen Vorgänger, Ernst-Heinrich Lochmann, seit mehr als 20 Jahren in den meisten Ämtern beerbt und in dieser Zeit naturgemäß neue und andere programmatische Akzente gesetzt und verwirklicht. Doch auch heute verdient Ernst-Heinrich Lochmanns Einsatz um den institutionellen Fortbestand des Fachgebiets Geschichte über seine Pensionierung hinaus allerhöchste Anerkennung.

Johann Schäffer, Hannover

Es gab in den letzten 25 Jahren wohl keine Veterinärgeschichtstagung, an der er nicht aktiv als Redner, Chairman oder Diskutant teilgenommen hat. Die Fachgruppe Geschichte der DVG trauert um einen ihrer treuesten Wegbegleiter, den Deutsch-Schweizer PD. Dr. med. vet. Max Becker. Er ist nach kurzer, schwerer Erkrankung und völlig überraschend am 20. August 2018 im Alter von 77 Jahren im Inselspital in Bern / CH gestorben.
Geboren in München hat Max Becker sein Abitur am Kgl. Theresien-Gymnasium abgelegt und in seiner Heimatstadt Tiermedizin studiert. Nach dem Staatsexamen wurde er 1969 an der Münchener Fakultät mit einer Arbeit über „Die parenterale Ernährung bei Hund und Pferd“ zum Dr. med. vet. promoviert. Im Jahr darauf wechselte er an die Universität Zürich und wurde Assistent an der Veterinär-Chirurgischen Klinik. Mit der Ernennung zum Oberassistenten ad personam im Jahr 1975 wurde ihm die Leitung der Abteilung für experimentelle Chirurgie und Anästhesiologie übertragen. In den Folgejahren arbeitete er an grundlegenden Buchveröffentlichungen mit, wie der Monographie „Das Göttinger Miniaturschwein“ (Parey 1981) oder der völlig neu bearbeiteten Auflage der „Nahtverfahren bei tierärztlichen Operationen“ (Parey 1985). Im Jahr 1986 habilitierte er sich an der Universität Zürich für die Fächer Chirurgie und Anästhesiologie mit einer Arbeit über eine neue Methode der selektiven Hypophysektomie am Modelltier Göttinger Miniaturschwein. Von 1990 bis zu seiner Pensionierung war Max Becker dann als der Schweizer Experte für experimentelle Medizin am Kantonalen Veterinäramt Basel-Stadt tätig. Das ist die eine berufliche Seite und nun die andere.
Im Jahr 1990 erfolgte die Wahl von Max Becker zum Präsidenten der als neue Fachsektion in die GST integrierten „Schweizerischen Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin“ (SVGVM), die er 20 Jahre lang leitete und maßgeblich prägte. In Beckers Präsidentschaft fallen die Gründung und der mit vielen Fachkollegen erfolgte Aufbau des „Museums zur Geschichte der Veterinärmedizin“, das im Diagnostikzentrum des Tierspitals Zürich untergebracht ist. Eine umfangreiche Präsenzbibliothek mit heute rund 10.000 Büchern, Periodika und Manuskripten ist in Basel ausgelagert. Neben der Durchführung jährlicher nationaler Symposien hat Max Becker im Jahr 2008 den 38. Internationalen Kongress der World Association for the History of Veterinary Medicine in Engelberg organisiert und geleitet. Thema war “The man-animal-relationship from the antiquity until 20th century”. Er war auch viele Jahre Mitglied des Liaison Committee der WAHVM.
Max Beckers veterinärhistorische Originalarbeiten wurden entweder im Schweizer Archiv für Tierheilkunde (SAT) veröffentlicht, das seit Anfang der 1990er Jahre sein Januarheft in guter Regelmäßigkeit allein der Geschichte der Tiermedizin widmet (z. B. „Tierdarstellungen in den Bildern von Albert Anker (1831-1910)“, SAT 1 2006), oder sie sind in den Tagungsbänden der DVG-Fachgruppe Geschichte publiziert (z. B. „Entscheidende Jahrzehnte für die tierärztlichen Ausbildungsstätten der Schweiz, 1945-1965“, 2000, „The lecture of Rudolf Zangger in livestock breeding, 1863/64“, 2002, „Das Eidgenössische Vakzine-Institut (EVI) in Basel“, 2006). Auch als Doktorvater war Max Becker geschätzt; die von ihm betreuten veterinärhistorischen Dissertationen sind über die Homepage der SVGVM erschließbar.
Alles was Max Becker in Angriff nahm, hat er mit hoher „chirurgischer“ Präzision geplant und ausgeführt. Er konnte begeistern und sein Rat war sehr geschätzt, sei es als Tierarzt und Wissenschaftler, sei es als Vorsitzender der Schulpflege im Kanton Aargau, sei es als engagierter Ausbilder von Jungjägern und Schweißhundeführern oder als fachkompetenter Imker. Als liebenswerter Freund war er immer zur Stelle, wo er gebraucht wurde.
Am 25. September 2018 haben wir Max Becker im engsten Kreis seiner Familie und Jagdfreunde in Däniken im Kanton Solothurn das letzte Halali geblasen.
Johann Schäffer, Hildegard Jung, München

Hannelore Mente hat die Entwicklung der DVG-Fachgruppe ´Geschichte der Veterinärmedizin´ und der ´World Association for the History of Veterinary Medicine´ (WAHVM) eineinhalb Jahrzehnte mitgestaltet und mitgeprägt.

Sie war vom damaligen Leiter des Fachgebiets Geschichte, Museums und Archivs der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Univ.-Prof. Dr. Ernst-Heinrich Lochmann, am 1. Januar 1986 als Verwaltungsangestellte auf Halbtagsbasis eingestellt worden. Lochmann war in dieser Zeit auch ehrenamtlicher Leiter der DVG-Fachgruppe ´Geschichte´ (bis 1992) und Präsident der WAHVM (bis 1993).

Neben ihren vielfältigen Aufgaben als Hochschulsekretärin war Hanne Mente bis zu ihrem krankheitsbedingten Ausscheiden im Jahr 2002 engstens in die Organisation der von beiden Fachgesellschaften ausgerichteten Jahrestagungen eingebunden. Hanne Mente war die „gute Seele“ des Fachgebiets Geschichte der TiHo Hannover. Vielen DoktorandInnen wurde sie zur Freundin. Mir selbst war sie stets loyale, zuverlässige und freundschaftlich verbundene Mitarbeiterin. Unvergesslich sind die Besuche meiner Familie bei ihr und ihren Kindern Am Alten Saupark in Misburg, wo sie gewohnt hat, mit Papagei und Haflingern.

Am 8. Mai dieses Jahres erreichte mich eine WhatsApp Nachricht von ihrer ältesten Tochter Imke Schumann, von Hanne Mentes Smartphone aus, über das wir kommuniziert haben: „Ein neuer Stern ist am Himmel.“

Hanne Mente wird allen, die Sie jemals kennenlernen durften, in ewiger, lieber Erinnerung bleiben.

Johann Schäffer, München

Ehemaliger Leiter des Fachgebiets Geschichte, Museums und Archivs der TiHo Hannover (1991-2019)
Leiter der DVG-Fachgruppe Geschichte der Veterinärmedizin (seit 1992)

Die DVG-Fachgruppe ´Geschichte der Veterinärmedizin´ trauert um einen hochgeschätzten Kollegen und Freund. Am 26. Juli 2022 hat Georg Möllers seinen jahrelangen Kampf gegen ein heimtückisches Krebsleiden im Alter von 62 Jahren verloren.

Georg wurde am 22. Februar 1960 in Rheine geboren, war gelernter Zootierpfleger und Pferdewirt und studierte an der TiHo Hannover Veterinärmedizin (1992-1998), von 1994 an als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, die im Anschluss auch sein Promotionsstudium unterstützte.

Seine Teilnahme an der ersten DVG-Fachtagung zum Thema „Tiermedizin im Dritten Reich“ im Herbst 1997 in Hannover war Motivation, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das auf der Tagung nur gestreift worden war. Es war das Thema „Jüdische Tierärzte im Deutschen Reich in der Zeit von 1918 bis 1945“. So lautete dann auch der Titel seiner mit 337 Seiten gewichtigen Dissertation, mit der er im Sommersemester 2002 an der TiHo Hannover mit dem Prädikat summa cum laude zum Dr. med. vet. promoviert wurde.

Georg konnte den Lebensweg und das Schicksal von 131 jüdischen Tiermedizinern biographisch erfassen. Und das war Kärrnerarbeit. Unzählige Anfragen an Archive mussten gestellt werden, und die mündliche oder schriftliche Befragung von Zeitzeugen oder deren Nachfahren im In- und Ausland war nicht nur zeitaufwändig, der persönliche Kontakt erforderte auch eine hohe Sensibilität. Aber das war Georg: Einem Gegenüber mit Respekt und Empathie zu begegnen, hat ihm nicht nur Tür und Tor, sondern auch Herzen geöffnet.

Georgs Dissertation war eine Pionierarbeit, die für die Tierärzteschaft Deutschlands und Israels bis heute eine große gesellschaftspolitische Bedeutung hat. Er wurde dafür im Jahr 2006 mit dem „Dr. Ari Shoshan Research Prize in Veterinary History“ der Israelischen Tierärztegesellschaft ausgezeichnet, den er in Jerusalem persönlich entgegennahm.

Nach der Promotion setzte Georg seine Aktivitäten „Wider das Vergessen“ kontinuierlich fort. Er arbeitete zunächst als Labortierarzt im BSE-Labor der LUFA in Hannover-Ahlem (2002-2005), anschließend war er als amtlicher Tierarzt beim Landkreis Schmalkalden-Meiningen tätig (2005-2018).

Georg hat respektable Vorträge gehalten und viel beachtete Aufsätze publiziert, und das stets mit dem Ziel, die Erinnerungskultur wachzuhalten: “Es bleibt eine Pflicht der deutschen Veterinärmedizin, sich der Opfer des Nationalsozialismus in ihren Reihen zu erinnern und ihnen ein ehrendes Andenken zu bewahren”, hatte er bereits 2005 festgestellt. Und dieses Ziel hat er mit hoher Sachkompetenz und mit Herzblut verfolgt.

Im Jahr 2018 hat er ein Resumee des bisher Erreichten gezogen und mit Blick auf Israel folgendes geschrieben: “Die Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Veterinärgeschichte wird in Israel aufmerksam verfolgt […]”. Als wichtigster Aspekt bleibt festzuhalten, “[…] dass es für die Nachfahren der Opfer nach wie vor immens wichtig ist zu sehen, dass das Andenken an die Leiden und die Not ihrer Vorfahren im Land der Täter bewahrt und dass die Kultur des Erinnerns weitergetragen wird.”

Der entscheidende Durchbruch, die gesamte Tierärzteschaft für dieses Ziel zu sensibilisieren, gelang mit einem Aufsatz im Deutschen Tierärzteblatt 2/2019 mit dem Titel „Der jüdische Tierarzt hat alles zurückgelassen – Das Erlöschen der Approbationen jüdischer Tierärzte im Nationalsozialismus“. Georg Möllers und Michael Schimanski erinnerten daran, dass vor 80 Jahren, zum 31. Januar 1939, allen jüdischen Tierärzten die Approbation entzogen worden war. Sie hatten damit Berufsverbot und verloren ihre wirtschaftliche Existenz. Der Artikel endet mit der Ankündigung, einen bleibenden Gedenkort zu schaffen.

Und ein solcher Gedenkort ist seit 9. November 2020 online. Es ist die Datenbank „NS-Schicksale“, die auf der Homepage der Bundestierärztekammer für jedermann zugänglich ist. Sie enthält derzeit 155 kommentierte Kurzbiographien. Auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages zwischen der DVG und der BTK und durch tatkräftige Unterstützung der Chefredakteurin des Deutschen Tierärzteblattes ist damit ein virtuelles Forum zum dauerhaften Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bereich der Tiermedizin geschaffen.

Diese Datenbank ist Georgs Lebenswerk, für das er so viele Jahre gemeinsam mit Michael Schimanski gearbeitet hat, der sie auch fortschreiben und aktualisieren wird. Sie ist zugleich ein offizieller Ausdruck für die hohe Wertschätzung seiner Person. Georg hat es erreicht, dass die deutsche Tierärzteschaft sich klar positioniert hat: gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und gegen Diskriminierung.

Georg Möllers hat für die Veterinärgeschichte Unschätzbares geleistet, und das seit vielen Jahren mit dem Sensenmann im Rücken. Er hat eine Erinnerungskultur geschaffen, die der Tiermedizin in anderen Ländern zum Vorbild wurde. Seine berufsgeschichtliche Forschungsarbeit und sein soziales und politisches Engagement in seinem Thüringer Umfeld wurden auf einer sehr stimmungsvollen Abschiedsfeier in der Pfarrkirche in Mehmels am 13. August 2022 mit zahlreichen Wort- und Musikbeiträgen eindrucksvoll gewürdigt. Im Anschluss fand die Urnenbeisetzung statt.

Johann Schäffer, Michael Schimanski, Melanie Schweizer, Martin F. Brumme, Dirk Löwke, Hildegard Jung

​Es war im Frühjahr 1981, als ein junger Tierarzt namens Bernhard Hofschulte nach dem Studium an der TiHo Hannover am Schlachthof Karlsruhe seine Stelle antrat. Seine schriftliche Anfrage beim Fachvertreter für Geschichte der Veterinärmedizin in Hannover, Prof. Dr. Ernst-Heinrich Lochmann, ob er bei ihm eine Doktorarbeit über die Geschichte des Schlacht- und Viehhofes Karlsruhe schreiben könne, schlossen sich etliche Telefonate an, um etwas über die Person dieses potentiellen Doktoranden zu erfahren. Um es kurz zu machen: Es waren letztlich die Offenheit und Empfehlung Musers, – der mich zu diesem Zeitpunkt nur dem Namen nach kannte, – dem ich meine Promotion verdanke und der mich bei meinem ersten Besuch an seiner Dienststelle mit den Worten fröhlich begrüßte: „Treten Sie ein, Herr Kollege!“ Dr. Muser stellte mir seine umfangreiche Handbibliothek zur Verfügung und hatte auch anderweitig viele nützliche Tipps für mich. Bei einem der „Literaturbesuche“ sagte er: „Heute nachmittag ist in der Dienststelle eine Geburtstagsfeier. Darf ich Sie einladen?“ „Wer hat denn Geburtstag?“ „Mit dem Sie sprechen.“ An diesem Nachmittag lernte ich auch seine Frau Isolde kennen.
Freundlich, fröhlich, hilfsbereit, – das war Dr. Peter Muser.

Geboren am 5. März 1927 in Karlsruhe, kurz vor Kriegsende noch einberufen zur Wehrmacht (in die „Armee Wenck“, dem letzten Aufgebot Hitlers), zuerst in britische, dann amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, studierte Muser an der Tierärztlichen Fakultät der LMU München Tiermedizin und wurde dort im Juli 1954 zum Dr. med. vet. promoviert. Der Titel seiner Dissertation lautete „Versuche über die Einwirkung von Kupfersulfat auf Süßwasserschnecken und -muscheln“. Nach verschiedenen tierärztlichen Tätigkeiten, insbesondere einer langjährigen Tätigkeit als Amtstierarzt, wurde er 1966 zum Vorstand des Badischen Viehversicherungsverbandes in Karlsruhe bestellt. Sein Amtsvorgänger, ein Veterinäroffizier alter Schule, kommandierte diese Dienststelle wie eine Militäreinheit. Unter Musers Leitung entstand dort ein offenes, freundliches, fast herzliches Betriebsklima. Weil die Landesregierung Baden-Württemberg gewillt war, den Viehversicherungsverband aufzulösen, wurde nach der Pensionierung von Dr. Muser seine Stelle nicht neu besetzt. Stattdessen fiel ihm die undankbare Aufgabe zu, den Verband, den er jahrzehntelang mit Herzblut geleitet hatte, bis zum 30. November 1994 abzuwickeln.

Vielseitig interessiert, trat Peter Muser am 13. März 1961 der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft eV bei und blieb Mitglied bis wenige Monate vor seinem Tod. Er fühlte sich von Anfang an und zeit Lebens der DVG-Fachgruppe ´Geschichte der Veterinärmedizin´ als sog. Hauptfachgruppe zugehörig, als Nebenfachgruppe wählte er die ´Reproduktionsmedizin´. Wenige Jahre später fand er auch den Weg in die „Welt-Gesellschaft für Geschichte der Veterinärmedizin“ (WAHVM), die 1969 aus der DVG-Fachgruppe ´Geschichte der Veterinärmedizin´ hervorgegangen war. Der Welt-Gesellschaft gehörte er bis zu deren Umgestaltung in eine Dachgesellschaft nationaler Vereinigungen im Jahr 1993 an.

In seinem ersten historischen Vortrag vor internationalem Publikum 1972 in Wien referierte Muser über “Die Staatliche Rinderversicherung im früheren Großherzogtum Baden, ein erster Versuch, die Frage der Viehversicherung öffentlich-rechtlich zu lösen“. Weitere Referate folgten u. a. in Pula 1984 über „Die Bekämpfung und Tilgung der Rindertuberkulose in Baden“ oder beim gemeinsam mit Hofschulte organisisierten 24. Symposion in Karlsruhe 1990 „Ein Rückblick auf die Entwicklung der badischen Veterinärverwaltung bis zu deren Aufgehen im Bundesland Baden-Württemberg 1952“.

Im Jahr 1994 wurde die „Sektion Bundesrepublik Deutschland“ der Welt-Gesellschaft aus rein fiskalischen Gründen umgewandelt und umbenannt in „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Geschichte der Veterinärmedizin“. Ohne zu zögern stellte sich Muser dieser Gesellschaft als Zweiter Vorsitzender zur Verfügung und bekleidete dieses Ehrenamt bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2001.

1997 musste Muser seine Frau Isolde beerdigen, nachdem ein halbes Jahr vorher bei ihr ein unheilbares Karzinom diagnostiziert worden war. Ein schwerer Gang, bei dem ihm die gemeinsamen drei Kinder, darunter eine Tierärztin, zur Seite standen. Er selbst blieb lange Jahre bei erstaunlicher bis beneidenswerter Gesundheit. In seinen letzten Jahren machten sich aber auch bei ihm die Beschwerden des Alters bemerklich, seine letzten eineinhalb Lebensjahre sahen ihn betreuungsbedürftig im Pflegeheim.
Veterinärdirektor a. D. Dr. Peter Muser starb am 18. Juni 2025 in Karlsruhe. In unserem Gedächtnis lebt er weiter – freundlich, fröhlich, hilfsbereit.

Dr. Bernhard Hofschulte
Univ.-Prof. (i. R.) Dr. Dr. Johann Schäffer

Die Zahl der in seinem über 40-jährigen Berufsleben als Rinderpraktiker verbrauchten Gummistiefel ist nur eine von vielen „statistischen Größen“, die Helmut Surborg akribisch dokumentiert hat. In der gemeinsam mit seiner Frau Ingrid geführten Tierarztpraxis im niedersächsischen Betzhorn (Wahrenholz) hat er seit 1980 Generationen an Studenten, Praktikanten und Assistenten an seiner Leidenschaft teilhaben lassen, der Nutztiermedizin und deren zentraler Bedeutung für die bäuerliche Landwirtschaft. Und diese Zwillings-Empathie konnte er auch eloquent und humorvoll vermitteln, sei es mit Vorträgen in der Lehrveranstaltung „Berufskunde“ an der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover oder mit historisch-kritischen Referaten auf den Geschichts­tagungen der DVG in Berlin. Aber beginnen wir doch lieber von vorne.

Wir treffen mit dem am 13. April 1950 geborenen Veterinärstudenten zum ersten Mal im Jahr seines Physikums 1972 an der TiHo Hannover zusammen. Er wollte über den Studentenrat eine Erklärung an den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes auf den Weg bringen, um auch von studentischer Seite auf die ökonomisch desolate Situation der Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Was herauskam, war ein in mehreren Absätzen begründeter Beschluss, der heute so aktuell wäre wie er damals war: „Laut Studentenratsbeschluss vom 9.2.1972 erklärt sich der Studentenrat der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit den Landwirten solidarisch in ihrer Forderung nach einem gerechten Erzeugerpreis“ (Bruns 1972). Die Landwirte demonstrierten damals in der ganzen BRD gegen den Ruin ihrer Betriebe durch die Politik der EWG und deren Fehlentscheidungen zugunsten des Welthandels.

 Aber das Studium und die fachliche Ausbildung mussten vorankommen: 1975 dritter Teil des Staatsexamens und Erhalt der Approbation, am 12. Dezember 1976 Promotion zum Dr. med. vet. mit einer an der Klinik für Rinderkrankheiten und dem Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der TiHo angefertigten Dissertation zu „Untersuchungen über den Nabelbruch beim Rind. Operationserfolg, Abstammung und Verbleib der operierten Tiere“ (35 Seiten). Seine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent an der Klinik für Rinderkrankheiten (1976-1978) und an der Klinik für Geburtshilfe und Gynäkologie des Rindes (1978-1980) schloss er mit der Prüfung zum Fachtierarzt für Rinder (1980) und zum Fachtierarzt für Zuchthygiene und Besamung (1981) ab. Nach Übernahme einer Nutztierpraxis in Betzhorn / Wahrenholz im Landkreis Gifhorn (1980) erhielt er 1983 die Ermächtigung zur Weiterbildung auf diesen Gebieten (bis 2015). Jeweils samstags Vormittag hielt das Ehepaar Ingrid und Helmut Surborg auch eine Kleintiersprechstunde ab.

Helmut Surborgs berufspolitisches Engagement durch Mitarbeit in Gremien der Tierärztekammer Niedersachsen ist beeindruckend und bewundernswert: In den Jahren 1996 bis 2010 Mitglied der Kammerversammlung, der Ausschüsse für Fort- und Weiterbildung, für Tierseuchen, für Bestandsbetreuung und Reproduktionsmedizin. Wie viele Prüflinge er in Weiterbildungsgängen „examiniert“ hat, ist uns zwar nicht bekannt, aber es muss eine stattliche Anzahl gewesen sein, als Mitglied im Prüfungsausschuss zum Fachtierarzt für Rinder (2011-2016) und als Mitglied im Prüfungsausschuss für die Zusatzbezeichnung Tierärztliche Bestandsbetreuung und Qualitätssicherung im Erzeugerbetrieb Rind (2016-2021). Nicht vergessen sei seine Berufung als ehrenamtlicher Richter des Gerichtshofes für die Heilberufe Niedersachsen (2017-2021).

Im Jahr 2006 wurde Helmut Surborg für seine Verdienste um die praxisnahe Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit der Dammann-Medaille der TiHo Hannover geehrt und 2015 bekam er aus der Hand des Kammerpräsidenten Uwe Tiedemann die Verdienstmedaille der Tierärztekammer Niedersachsen überreicht, eine verdiente Würdigung seines langjährigen persönlichen Einsatzes für den tierärztlichen Beruf. Einige Sätze aus der Laudatio seien hier zitiert:

„In seiner Tätigkeit für die Tierärztekammer widmete er sich kenntnisreich und engagiert der Aktualisierung der Weiterbildungsgänge, der zentralen Tierseuchenbekämpfungsstruktur im Seuchenfall, dort nicht zuletzt der Einbindung des praktizierenden Tierarztes, sowie der Festigung der Bestandsbetreuung. Stets hat er das Spannungsfeld von normativen Erfordernissen und Rechtswirklichkeit ausgeleuchtet. Seine ganz besondere Sachkunde konnte er in die Thematik Fortbildung durch und mit Computern einbringen. So hat er maßgeblich und richtungsweisend an E-Learning-Programmen der Tierärztekammer zum Tierseuchenkrisenfall mitgearbeitet, so bei der Darstellung der MKS und der Afrikanischen Schweinepest.“  Darüber hinaus hat er „seinen hohen Sachverstand und sein großes Engagement eingebracht, um Studierende und junge Tierärztinnen und Tierärzte in Informationsveranstaltungen über die tierärztlichen Berufsfelder, insbesondere die Rinderpraxis, zu informieren und zu begeistern. Dabei kam ihm auch seine Leidenschaft zur Fotografie zugute.“

Ja beileibe, bild- und zahlengewaltig, aber nie belehrend, eher leicht sarkastisch und selbstironisch, waren seine Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe in „Berufskunde“ an der TiHo Hannover, an der er von Anbeginn mitgewirkt hatte. Mit der Organisation und Durchführung dieser Pflichtlehrveranstaltung betraut wurde der Leiter des Fachgebiets Geschichte, Museums und Archivs der TiHo Hannover. „Das machen Sie schon!“, gab ihm der damalige Prorektor für Lehre im Februar 2001 mit auf den Weg. In enger Kooperation mit Wilfried Cossmann, dem damaligen Präsidenten und später Ehrenpräsidenten der Tierärztekammer, entstand eine Lehrveranstaltung, die höchste Evaluationsquoten erreichte. „Diese Veranstaltung ist ein Lichtblick der gesamten Woche!“, kommentierte eine Studiosa 2005. Und wer war der „Tierarzt in der Rinderpraxis“, – Helmut Surborg.

Sein 40-jähriges Berufsleben hat Surborg in 187 Aktenordnern niedergelegt und neben den täglichen kurativen Tätigkeiten wie Geburtshilfe, Kälberkrankheiten, Klauengeschwüre etc. darin auch die staatlichen Aufgaben in der Seuchenbekämpfung dokumentiert. In von ihm gerundeten Zahlen waren dies: 50.300 Rinder gegen MKS, 13.800 gegen IBR und 10.200 Rinder gegen Blauzungenkrankheit geimpft, Blutproben entnommen Leukose 17.000 Rinder und IBR 11.300 Rinder, 9.700 Rinder tuberkulinisiert und bei 2.000 Schweinen Blutproben auf Schweinepest-Antikörper durchgeführt.

Das sind keine nackten Zahlen, sondern ein ungetrübter Spiegel für eine enorme Lebensleistung als Praktiker. In der Zeitgeschichte gibt es bis heute keine vergleichbar authentische persönliche Praxischronik wie die von Helmut Surborg. Lässt man seine Präsentationen Revue passieren, klar und übersichtlich strukturiert, mit gestochen scharfen Bildern aus dem Praxisalltag und übersichtlichen Statistiken zur Entwicklung der Rindermedizin national wie international, dann waren seine Aussagen immer mit einem ernsten Blick über den Tellerrand verbunden. Vielleicht war das der Grund: In den Jahren 1991 und 1992 hatte er ein Fernstudium „´Humanökologie´ – Weltbevölkerung, Ernährung, Umwelt“ absolviert.

„Wenn das Schwein am Haken hängt, wird erst mal einer eingeschenkt“ lautete der Titel eines Vortrags auf der 18. Jahrestagung der DVG-Fachgruppe Geschichte 2015 im ECC Berlin. Lustig? Ja und Nein!, denn die Überschrift ging weiter: „Über den Niedergang der ambulanten tierärztlichen Schlachttier- und Fleischuntersuchung (1980-2015)“. Das passte exakt zum Tagungsschwerpunkt, „Stellung und Bedeutung der Tiermedizin in der Gesellschaft“. Im Jahr 2017 griff er das Thema auf „EDV und Internet in der Tierarztpraxis – (R-)Evolution in einem Praktikerleben“. 1983 hatte er den ersten Computer in der Praxis angeschafft. Im Jahr 2019 packte er ein berufshistorisch nicht weniger brisantes Thema an: „Arzneimittelversorgung in der Rinderpraxis 1980-2019“. Seine jeweils für die Tagungsbände der Fachgruppe generierten ausführlichen Aufsätze sind zeitlos.

Tierwohl und intakte soziale Strukturen im ländlichen Bereich waren dem „Vollblut-Buiater“ sehr wichtig, auch das Engagement für und in örtlichen Vereinen. Wer zu einer Gruppe von „Auserwählten“ gehörte, erhielt per E-Mail familiäre Fotos oder Screenshots von Reisen oder Ausflügen. Dazu gehörte auch seine „Honda PCX 125 vor Blühenden Landschaften“. Helmut Surborg ist sich selbst und seinen Idealen immer treu geblieben, und mit seiner Krankheit ist er offen umgegangen. Seine letzte Botschaft war „Enjoy life“. Am 17. Februar 2026 war dieses Leben zu Ende. 

Johann Schäffer
Georg Bruns

PDF-Anzeiger

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